Bürgerwindpark, Energiegenossenschaften und andere interessante Einsichten

Angesichts der mageren Windgeschwindigkeiten am Stenges stellt sich immer wieder die Frage wie ein solches Projekt überhaupt finanziert werden kann. Uns wird immer wieder vorgehalten (zum letzen mal von Herrn Heiß bei unserer Veranstaltung am 13.03.2013) die Stadtwerke Viernheim  würden sicher wissen was und warum sie das tun und davon abgesehen gehe die Wirtschaftlichkeit weder uns noch die Gemeinde etwas an.  Das ist grundsätzlich richtig, es ist nicht verboten schlechte wirtschaftliche Entscheidungen zu treffen oder das eigene Geld zu verschwenden. Belastet aber das Vorhaben unbeteiligte Bürger und eine Gemeinde ist eine solche Haltung aus meiner Sicht mindestens fragwürdig. Und tatsächlich wird nicht nur eigenes Geld verschwendet, über die EEG Umlage ist hier sowieso jeder private Haushalt unmittelbar monetär belastet.

Im Zuge dieser Gedanken haben wir dann begonnen zu recherchieren wie denn das immer wieder als Vorbild genannte Neutscher Windrad eigentlich so finanziert wurde. Dabei sind wir auf interessante Informationen gestoßen die ebenso interessante Fragen aufwerfen. Nur soviel vorab; alle verwendeten Informationen sind frei im Internet verfügbar, es kann jeder selbst nachprüfen.

Bürgerbeteiligung/Bürgerwindrad

Zur Zeit, wie auch beim Birkenauer Projekt,  wird verstärkt für sogenannte Bürgerbeteiligungen im Rahmen von Windräder-Betreibermodellen geworben. Diese Werbung richtet sich in erster Linie an einen finanziell unerfahrenen Personenkreis, für den eine Investition in Windenergie eher eine Glaubenssache ist. Diese Menschen sind sich oftmals der Risiken nicht bewusst, die mit diesen Beteiligungen verbunden sind. Begünstigt wird der Erfolg dieser Betreibermodelle durch eine Vielzahl von Faktoren:

  • Unkritische Medien, die breit über erste Spatenstiche berichten und den Initiatoren Gelegenheit geben, ausführlich ihre Konzepte in den buntesten Farben darzustellen. Gibt es keine BI wie in Birkenau und mittlerweile vielen anderen Gemeinden, die dagegen halten, werden die Auswirkungen und Risiken der Anlagen einfach ausgeblendet.
  • Die Atmosphäre, die bei den Informationsveranstaltungen herrscht, erinnert an Kaffeefahrten. Wenn dann Bürgermeister, Gemeindevertreter und regionale Banken als auch „regionale Stadtwerke“ dieses Vorhaben unterstützen, umso besser und für den unbedarften Bürger natürlich vertrauenswürdiger. Es ging in Lörbach sogar so weit, das dem Planer und den Vertretern der Energiegenossenschaft Fresskörbe als Dank für die Teilnahme überreicht wurden. Fresskörbe dafür das sie ihr ureigenstes Interesse und Geschäft vertreten haben.
  • Die ständige Heraushebung der Selbstlosigkeit der Initiatoren – Ihre Ehrenamtlichkeit wird betont – Es geht ihnen ausschließlich um eine bessere Welt, in der alle Menschen über regenerativen Strom glücklich sind. Es wäre äußerst unpassend, ihnen mit solch profanen Fragen zu kommen, wie, ob man sicher sein kann, seine Einlagen jemals wiederzusehen und ob die zugesagten Erträge, niedrig genug, garantiert sind. Die Verschleierung der Risiken wird dadurch erleichtert, dass für Genossenschaftsanteile die sogenannte Prospektpflicht nicht gilt, also keine umfassende Beschreibung wie bei anderen Anlageformen stattfinden muss. Deshalb ist wohl auch diese Gesellschaftsform gewählt worden.

Im Rahmen des Anlegerschutzes nach § 8f Verkaufsprospektgesetz (VerkProsG) unterliegen alle Formen von öffentlich angebotenen Unternehmensbeteiligungen der Prospektpflicht. In diesem Prospekt müssen alle Aspekte der Beteiligung umfassend dargestellt werden, insbesondere auch das Insolvenzrisiko. Stellt sich im Nachhinein heraus, dass Angaben fehlen oder falsch sind, kann der Anbieter dieser Beteiligungen , z.B. die Bank, zum Schadenersatz verpflichtet werden. Der jeweilige Prospekt muss vorab der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) zur Prüfung vorgelegt und von dieser genehmigt werden. So werden die Anleger umfassend geschützt. Auch das öffentliche Angebot für eine Beteiligung an einem Bürgerwindpark oder einer Bürgersolaranlage fällt grundsätzlich unter diese gesetzliche Vorschrift.

Prospektpflicht gilt nicht für Genossenschaften bzw. für deren Initiatoren (VerkProsG § 8f  Abs.2 )!

Hätte z.B. das „Projekt Windstark 1“ der Energiegenossenschaft Starkenburg die Gesellschaftsform einer GmbH, müsste der genehmigte Verkaufsprospekt eine Umfang von ca. 200 Seiten mit umfangreichen Risikoaufklärungen haben. Da hier jedoch mit Bedacht die Form der Genossenschaft gewählt worden ist, genügt eine Broschüre mit einem Umfang von 11 Seiten!

Unklarheiten bei bereits realisiertem Projekt in Neutsch der Energiegenossenschaft Starkenburg 

Projekt Windstark 1
Die offizielle Projektbeschreibung findet sich hier
Auffällig ist der Preis, der hier für den Kauf eines Repower-Windrades ausgewiesen wird: 3.500.000 EUR (S. 7) !

Der Preis für diesen Typ liegt aber z.B. im „Lloydfonds Energie Europa bei nur 2.328.000 EUR, s. S. 95 des Verkaufsprospektes

Der weltweite Durchschnittspreis für Windkraftanlagen liegt bei etwa 1 Mio € pro installiertem MW Leistung wie z.B. hierhierhier, hier oder hier nachzulesen ist.

Stellt sich also die Frage wieso rund 1,2 Mio € mehr als nötig bezahlt wurden. Warum wurde so schlecht eingekauft? Oder anders formuliert, was ist mit dem Differenzbetrag von ~1,2 Mio € passiert der in Neutsch hauptsächlich aus dem Geld der Anleger beglichen wurde? Hat sich hier nur der Verkäufer der Anlage gefreut ein gutes Geschäft gemacht zu haben? Und was sagt das über die geschäftliche Eignung der Käuferseite aus?  Ein Schelm wer böses dabei denkt!

Was bedeutet es bei den Energiegenossenschaften Geld anzulegen?

Ob die Erträge ausreichen, die Verpflichtungen der und gegenüber den Genossen zu erfüllen, steht in den Sternen, nachdem, wie gesagt, ein Gros der zu erwartenden Gewinne mit dem Kauf der Windanlage zum überhöhten Preis über z..B die Abschreibungen gemindert werden.

Was bedeutet Insolvenz bzw. Konkurs für Anleger? Gerade an windschwachen Standorten wie im Stenges ist der mangelnde Ertrag, wie im vorherigen Beitrag gezeigt vorprogrammiert.  Diese Insolvenzgefahr ist in der Projektbeschreibung recht verklausuliert ausgedrückt (S. 10): „Das nachrangige Darlehen hat, wie es der Name schon sagt, Nachrangcharakter. Das nachrangige Darlehen gilt als Eigenkapital der Genossenschaft. Im Falle einer Genossenschaftsinsolvenz steht dieses Darlehen hinter Forderungen anderer Gläubiger zurück und somit wäre dann theoretisch ein Gesamtverlust in Darlehenshöhe möglich.“

Das heißt im Klartext:

Arbeitet die Genossenschaft mit Verlust, verringert sich entsprechend die Einlage da die Verluste zunächst aus dem Eigenkapital gedeckt werden. Im Falle einer Insolvenz bzw. eines Konkurses ist die Einlage weg. Die Formulierung „theoretisch ein Gesamtverlust in Darlehenshöhe“ oben heißt schlichtweg das man sein Geld der Genossenschaft übergibt und außer dem Vertrauen in die Windkraft keinerlei Garantie hat das Geld jemals wieder zu sehen. Es handelt sich also um eine hoch riskante Geldanlage mit Totalverlust Risiko. Der Begriff „theoretisch“ versucht oben zu suggerieren das das ja sehr unwahrscheinlich ist, im Zuge der Finanzkrise sollten wir aber alle gelernt haben das es so etwas wie theoretische Risiken nicht gibt.

Aber weiter, nachrangig bedeutet auch zuerst werden Banken bedient die in das Projekt eingebunden sind. Wenn dann noch was übrig bleibt, was unwahrscheinlich ist, kämen die Genossen zum Zuge. Für ein solches Risiko sind 4,25 Prozent Zins zu wenig. Marktüblich sind bei solcher Risikolage 8-12 %.Üblicherweise erhält jede Genossin/jeder Genosse aus den Erträgen der Genossenschaft eine jährliche Dividende. Über deren Höhe werden vorsichtshalber keine Aussagen gemacht, nur als fiktiver Fall in einer Beispielrechnung – und die ist absurd (S. 10): Dort wird der theoretische Fall erwogen, wie eine Jahresdividende von 30 EUR bei einem Konfessionslosen steuerlich zu behandeln wäre. Das würde eine Jahresdividende von 15 % bedeuten, ein absurd hoher Wert.

Von so einer Geldanlage kann unerfahrenen Anlegern nur abgeraten werden.

Energiegenossenschaft Odenwald

Die Energiegenossenschaft Odenwald beteiligte sich an den Windrädern auf der Neutscher Höhe, soweit bekannt soll das in Birkenau nicht der ´Fall sein. Es gelten aber die Aussagen zur Energiegenossenschaft Starkenburg entsprechend auch für sie. Der Unterschied hier: Ein zusätzliches Darlehen ist nicht vorgesehen. Die Einlage kann zwischen 100 und 5000 EUR  betragen, Kündigungsfrist 2 Jahre.

§ 45 Verwendung des Jahresüberschusses„
1) Über die Verwendung des Jahresüberschusses zuzüglich eines eventuellen Gewinnvortrages und abzüglich eines eventuellen Verlustvortrages entscheidet die Generalversammlung.“ D.h. es muss von Jahr zu Jahr neu entschieden werden, ob es eine Dividende gibt und wie hoch sie ausfällt.

Natürlich unterliegt auch diese Genossenschaft dem Insolvenzrisiko, die besonders verklausuliert in der Satzung ausgedrückt wird:

„§ 41 Nachschusspflicht :Eine Nachschusspflicht der Mitglieder besteht nicht“ § 46

2) Soweit ein Bilanzverlust nicht auf neue Rechnung vorgetragen oder durch Heranziehen der anderen Ergebnisrücklagen gedeckt wird, ist er durch die gesetzliche Rücklage oder durch die Kapitalrücklage oder durch Abschreibung von den Geschäftsguthaben der Mitglieder oder durch mehrere der vorgenannten Maßnahmen zugleich zu decken.(3) Werden die Geschäftsguthaben zur Deckung des Bilanzverlusts herangezogen, so wird der auf das einzelne Mitglied entfallende Anteil des Bilanzverlustes nach dem Verhältnis der übernommenen oder der nach der Satzung zu übernehmenden Geschäftsanteile aller Mitglieder bei Beginn des Geschäftsjahres, in dem der Verlust entstanden ist, berechnet.

Im Klartext: Arbeitet die Genossenschaft mit Verlust, verringert sich die Einlage entsprechend, im Konkursfall ist sie weg! Angesichts dieser Risiken sind 3,5% Zins ein Witz. Für Festgeld, das voll und ganz durch Einlagensicherungsfonds geschützt ist, gibt es annähernd ähnliche Zinsen. Die Volksbank selbst hat im letzten Jahr auf Ihre Anteile bei fast auszuschließendem Insolvenzrisiko(dann würde sie von benachbarten Volksbanken übernommen) 5,8 % gewährt.

Auch hier sollte also der unerfahrene Anleger Vorsicht walten lassen.

Wer trägt eigentlich das Risiko bei einem Windpark?

Abschließend sei noch darauf hingewiesen wer wirklich das Risiko bei Windparks im allgemeinen und natürlich vor allem in Birkenau trägt.

Der Hersteller der Windkraftanlage liefert die Anlage und wird dafür bezahlt. Er trägt kein besonderes Risiko wenn die Anlage ordentlich geliefert wird und technisch funktioniert wie jeder andere Lieferant auch.

Die Unternehmen die Bauleistungen ausführen tragen natürlich auch kein Risiko ob der Windpark funktioniert oder nicht. Sie haben Wege, Stromtrassen, Fundamente usw. gebaut wie bestellt und werden dafür bezahlt.

Der Planer. Wird üblicherweise vom zukünftigen Betreiber beauftragt und schuldet eine Werkleistung, d.h. eine genehmigungsfähige Planung und je nach Vertrag auch die Fertigstellung des Windparks, sprich Projektleitung. Ist diese Leistung erbracht worden wird er bezahlt. Also auch hier kein Risiko ob der Windpark die erhofften Erträge bringt.

Der Betreiber. Bekommt garantierte Einspeisevergütung und der Strom muss vom Netzbetreiber abgenommen werden. Schon mal kein Absatzrisiko. Die Investitionssumme soll ja zur Hälfte von der Genossenschaft Starkenburg kommen, die andere Hälfte von den Stadtwerken Viernheim. Schaut man sich Bilanzen der Stadwerke an so ist zu erkennen das das Unternehmen keine Multimillionen Investitionen einfach so aus eigener Tasche finanzieren kann, also wird man neben der Energiegenossenschaft Starkenburg auch noch Banken hinzuziehen müssen. Schaut man sich an das die Stadtwerke Viernheim noch andere Großprojekte im Bereich Windkraft parallel zu Birkenau vorantreiben wird schnell klar, das hier Fremdkapital benötigt wird. Bei Investitionen dieser Größenordnung ein in der Wirtschaft ja auch üblicher Vorgang. Um das Risiko hier von der Muttergesellschaft zu entkoppeln wird üblicherweise für einen Windpark eine GmbH&Co KG zusammen mit den Genossenschaften gegründet, und die WKA als Sicherheiten an die Banken übereignet. D.h. außer den Kosten für die Organisation besteht kaum ein Risiko.

Die Investoren in Genossenschaftsanteile: Geht jetzt etwas schief durch mangelnden Wind und damit Einnahmen, so ist die gegründete GmbH&Co KG irgendwann insolvent, die Banken fordern ihre Sicherheiten (die Windräder) ein und da dann keine Erträge mehr erwirtschaftet werden kann die Genossenschaft an ihre Genossen auch keine Gewinnbeteiligung mehr ausschütten oder Zinsen zahlen. Im schlimmsten Fall rutscht auch sie in die Insolvenz und die Genossenschaftsanteile und nachrangigen Darlehen sind verloren.

D.h. letztlich tragen bei den Bürgerwindparks die Privatinvestoren das hauptsächliche Risiko, alle anderen profitieren entweder durch Aufträge (Planer, Lieferanten, Hersteller) oder tragen nur minimale Kosten erhalten aber im Erfolgsfall ansehnliche Anteile des erwirtschafteten Gewinns (Betreiber).

 

One thought on “Bürgerwindpark, Energiegenossenschaften und andere interessante Einsichten

  1. Ch. Dangl

    Guten Abend
    Aus unseren Erfahrungen Windparkbeteiligung an der Küste seid 1996 mit 92 % Ausbeute und unser Ausstieg 2012 können wir nur sagen. Wer als Politiker glaubt eine Energiewende zu erhalten hat schwere Schlagseite. Die einzigen mit Geld in der Tasche sind Gemeinden und Städte ( Gewerbesteuer) Bankster mit
    Darlehen,Steuerberater ( Jahresabschlüsse) Versicherungen mit fragwürdigen ( Verträgen ) und der Staat (Finanzamt mit der Steuererkl. der Beteiligten. Unser Ausstieg nach 35 Zwangsabschaltungen war richtig

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

2 × vier =